Teil 5: Einordnen, bewerten, analysieren: die Diskussion

Alle Welt sträubt sich vor der Diskussion. Dabei ist sie so entspannt zu schreiben – vorausgesetzt, es liegt alles bereit. Für die Diskussion brauchst Du Deine Ergebnisse und die entsprechenden Quellen, um sie vergleichend einzuordnen und zu bewerten. Wenn Du Deine Ergebnisse gut kennst und verstanden hast (!), und wenn Du dazu noch die aktuelle Studienlage im Blick hast, die Du von der Einleitung und Forschungsfrage aus noch kennen solltest, dann schreibt sich die Diskussion quasi wie von selbst. Naja, ein, zwei Tafeln Schokolade könnten auch hier durchaus als Katalysator von Nutzen sein.

Im Prinzip besteht das Schreiben der Diskussion aus kleinen Blöcken zu den einzelnen Ergebnissen, deren Abfolge sich in Dreierschritten immer wiederholt.

Schritt 1: Vorstellen Deines Ergebnisses

Schritt 2: Vergleichen mit entsprechender Studienlage

Schritt 3: Bewerten Deines Ergebnisses

In unserem Rottweiler-Beispiel könntest Du ein zentrales Ergebnis in der Diskussion so dargestellen.

Unsere Studie belegt, dass das Riechvermögen von ungarischen Rottweilern von ihrer Nasengröße abhängt (Schritt 1). Damit widerlegen wir Studien von Hintz & Kuntz (2001) und Eszterhasy (1988b) (Schritt 2). Dabei umfasst unsere Studie eine deutlich doppelt so große Stichprobe im Vergleich zu den beiden Vergleichsstudien und ist somit aussagekräftiger (Schritt 3).

Im Prinzip kannst Du diese Bausteine für jedes Ergebnis erst einmal in dieser einfachen Weise aufschreiben. Eigentlich ist Deine Diskussion dann schon von der Basis her fertig! Verrückt, was? Formuliere diese Blöcke, indem Du Deine Daten durchgehst, und zwar Punkt für Punkt und Dir etwas zu jedem einzelnen Punkt überlegst – keine Angst, wenn jeder Block zunächst sehr ähnlich klingt. Meist hast Du Deine Daten auch Punkt für Punkt in den Ergebnissen vorgestellt – dort kannst Du Dich jetzt einfach entlanghangeln und die Struktur der Ergebnisse für die Diskussion übernehmen. Das ist ein überaus kluger Schachzug, denn erstens übersiehst Du nichts, und zweitens ist die Gliederung Deiner Diskussion dann auch logisch aufgebaut.

Nehmen wir die Gliederung der Ergebnisse aus dem letzten meiner Blog-Beiträge:

3 ERGEBNISSE
3.1 Pilotstudie: Geruchssinn bei deutschen Teckeln
3.2 Studienpopulation
3.3 Geruchssinn in Abhängigkeit der regionalen Herkunft
3.4 Geruchssinn in Abhängigkeit des auditiven Systems
3.5 Abhängigkeit von der Hunderasse: Multivariate Zusammenhangsanalyse

Dann würdest Du, bevor Du Deine Textblöcke abarbeitest, erst einmal die Struktur dafür schaffen:

4 DISKUSSION
4.1 Pilotstudie: Geruchssinn bei deutschen Teckeln
4.2 Studienpopulation
4.3 Geruchssinn in Abhängigkeit der regionalen Herkunft
4.4 Geruchssinn in Abhängigkeit des auditiven Systems
4.5 Abhängigkeit von der Hunderasse: Multivariate Zusammenhangsanalyse

Und dann füllst Du die einzelnen Punkte mit Deinen entsprechenden Textblöcken, Ergebnis für Ergebnis. Voilà.

In der Diskussion, die ja nun leider sehr oft der einzige Teil einer Dissertation ist, der überhaupt ganz gelesen wird, geht es auch um die Offenbarung Deiner wissenschaftlichen Qualifikation. Das geschieht über die drei Schritte von oben, denn dort zeigst Du folgendes:

Schritt 1: Vorstellen Deines Ergebnisses – Du kannst Deine Daten realistisch, aber auch gekonnt präsentieren; Du vermarktest Deine Ergebnisse in diesem Punkt. Natürlich gibt es hier auch einzelne Naturtalente, die Ihre Ergebnisse so bildschön präsentieren, dass einem ganz schwindelig wird, aber mit der oben angegebenen Reihenfolge ist der normale Rest der Bevölkerung schon einmal auf dem sicheren Pfad. Wichtig ist, dass Du den Mut hast, Deine Ergebnisse auch herauszustellen, wenn sie es wert sind. Auch negative Ergebnisse können wichtig sein, oder auch, wenn Deine Ergebnisse bestehende Studien bestätigen. Du solltest das Licht, die Mühen und Qualen Deiner Arbeit einfach niemals unter den Scheffel stellen!

Schritt 2: Vergleichen mit entsprechender Studienlage – Hier zeigst Du, dass Du Dein Metier kennst, und dass Du Deine Ergebnisse sachlich einordnen kannst.

Schritt 3: Bewerten Deines Ergebnisses – Und schließlich zeigst Du auch, dass Du Deine Ergebnisse sachlich richtig bewertest, also nicht kleinmachst oder übermäßig über den Klee lobst, dass Du mögliche Einschränkungen oder Fehler in Deiner Arbeit siehst (Limitationen), und dass Du die Implikationen Deiner Ergebnisse im Blick hast sowie mögliche zukünftige Studien abschätzen kannst, die Deine Ergebnisse fortführen könnten.

Wenn Du alle Deine Ergebnisse ausformuliert an den Mann bzw. die Diskussion gebracht hast, machst Du ein paar Tage Pause vom Text, und dann liest Du sie von oben bis unten durch und schreibst sie um, damit sie etwas schöner klingen. Dabei fragst Du Dich auch: „Kann die Überschrift so bleiben, oder kann ich sie knackiger bezeichnen?“ Die „Schreibe“ hängt aber wesentlich ab vom Lehrstuhl bzw. dem Schreib-Ductus Deines Fachs. Informier Dich daher immer vorher in Schwesterdissertationen, wie es dort gehandhabt wird.

In unserem Beispiel könnten „schönere“ Überschriften so aussehen

4 DISKUSSION
4.1 Pilotstudie: Deutsche Teckel riechen besser
4.2 Studienpopulation
4.3 Die Herkunft beeinflusst den Geruchssinn
4.4 Das auditive System beeinflusst das Riechvermögen nicht
4.5 Jede Hunderasse riecht anders

Damit kann man so lange herumspielen, bis man die Überschrift punktgenau (sachlich richtig!) gelandet hat – und sich damit wohlfühlt. Es soll ja bitte keine Prosa werden und den wissenschaftlichen Ansprüchen des Fachs genügen.

Und schließlich kannst Du statt des obigen Beispiels

Unsere Studie belegt, dass das Riechvermögen von ungarischen Rottweilern von ihrer Nasengröße abhängt. Damit widerlegen wir Studien von Hintz & Kuntz (2001) und Eszterhasy (1988b). Dabei umfasst unsere Studie eine deutlich doppelt so große Stichprobe im Vergleich zu den beiden Vergleichsstudien und ist somit aussagekräftiger.

beispielsweise auch schreiben

Unsere Studie zeigt, dass das Riechvermögen von ungarischen Rottweilern von ihrer Nasengröße abhängt. Damit stehen unsere Ergebnisse im Widerspruch zur aktuellen Studienlage (Hintz & Kuntz (2001); Eszterhasy (1988b)), zumal die hier angelegte Stichprobengröße deutlich aussagekräftiger ist.

Du siehst, es gibt immer mehr als eine Variante, etwas darzustellen, ohne blumig zu werden.

Wichtig ist es, sich immer zu fragen: „Was ist das besondere an meinen Ergebnissen?“ Diese Frage behältst Du die ganze Zeit im Hinterkopf. Gibt es Widersprüche in der Studienlage, die Du mit Deinen Ergebnissen aufzeigst? Zeigst Du etwas erstmals?

Damit stehen unsere Ergebnisse im Widerspruch zur aktuellen Studienlage (Hintz & Kuntz (2001); Eszterhasy (1988b)). Wir zeigen hier erstmals diesen Zusammenhang, zumal mit einer deutlich größeren und somit aussagekräftigeren Stichprobengröße.

Und zack – hast Du das Licht des Lesers auf ein zentrales Ergebnis gelenkt.

In unserem Smartphone-Beispiel aus den früheren Blog-Beiträgen könnte ein zentrales Ergebnis so dargestellt werden. Das Ergebnis klang so:

Unsere Studie zeigt, dass Frauen einen höheren Gefahren-Score für das Telefonieren während des Autofahrens aufweisen als Männer (12,58 ± 3,38 bzw. 10,70 ± 3,81). Dieser Unterschied ist signifikant (H = 24,106; df = 2; p < 0,05). 22 der  153 Studienteilnehmer machten hier keine verwertbaren Angaben.

In der Diskussion kannst Du es so darstellen:

Wir zeigen erstmals, dass Frauen beim Telefonieren während des Autofahrens deutlich stärker unfallgefährdet sind als Männer.

Mit diesem Beispiel wären wir an einem wichtigen Punkt angelangt. Der Leser fragt sich hier nämlich sofort: „Und wieso ist das so?“. Die Bewertung Deines Ergebnisses umfasst hier also auch, dass Du die Implikationen, die Dein Ergebnis mit sich bringt, berücksichtigst: Welche Ursachen könnte Dein Ergebnis haben?

Wir zeigen erstmals, dass Frauen beim Telefonieren während des Autofahrens deutlich stärker unfallgefährdet sind als Männer. Das könnte darin begründet sein, dass Frauen durch die von ihnen in stärkerem Maße ausgeführten Multi-Tasking-Aufgaben auch während des Autofahrens stärker kognitiv belastet sind als Männer, wie Holly & Molly (2013) in einer Langzeitstudie darlegten.

oder

Wir zeigen erstmals, dass Frauen beim Telefonieren während des Autofahrens deutlich stärker unfallgefährdet sind als Männer. Die Gründe hierfür sind momentan noch Grundlage von Spekulationen und sollten zukünftig wie in den vergleichbaren Studien zu Geschlechtsunterschieden im Verkehrsverhalten (Schall & Rauch, 2009; Roundabout et al., 2014) gründlich untersucht werden.

Du schaffst also auch einen Ausblick in Deinen Blöcken: welche Studien könnten dieses Ergebnis noch besser untersuchen? Was ist zu tun, damit das Ergebnis bestätigt wird oder dieser eine Aspekt besser untersucht wird? Schließlich sollst Du auch zeigen, dass Du die Limitationen Deiner Arbeit genau kennst! Ein Klassiker hierfür ist der Verweis auf die Stichprobengröße.

Wir zeigen zwar erstmals, dass Frauen beim Telefonieren während des Autofahrens deutlich stärker unfallgefährdet sind als Männer. Dieser Unterschied ist jedoch nur schwach signifikant, und unsere Stichprobengröße war im Vergleich zu ähnlichen Studien klein. Hier sollten zukünftige Studien mit größeren Stichproben unbedingt eine Überprüfung unseres Ergebnisses anstreben.

So gerüstet kannst Du Deine Diskussion angehen. Merke: Schön, elegant und eloquent zu schreiben ist zwar das Tüpfelchen auf dem i in der Diskussion, damit Deine Ergebnisse dem Leser runtergehen wie ein Stück Sahne-Nuss-Torte; aber nötig ist das ganz und gar nicht. Solange Deine Probe-Leser nicht nach einer Seite einschlafen, hast Du alles richtig gemacht.

Dieser Beitrag ist Teil der Mini-Serie Was gehört eigentlich in die Diss?

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